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Kellermann, Natan P.F. (2011). Geerbtes Trauma: Die Konzeptualisierung der transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 39, 137-160. Goettingen: Wallstein Verlag. »geerbtes trauma« 139 In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, die theoretischen und konzeptuellen Implikationen dieses Paradigmas zu diskutieren und einige neuere Forschungserkenntnisse zusammengefasst darzustellen. Dabei soll auf konzeptueller Ebene zwischen den übermittelten Inhalten und dem Pro- zess der Übermittlung, wie von diversen Theorien definiert, unterschieden werden. Es bleibt zu hoffen, dass eine solche konzeptuell-theoretische Un- terscheidung eine kongruentere und angemessenere Grundlage für die zu- künftige empirische Forschung in diesem Bereich liefern wird. 1. Traumaweitergabe 1.1 Terminologische Aspekte Die Literatur verwendet eine große Anzahl verschiedener Begriffe für die Beschreibung der Weitergabe von Traumata.4 (1) Nach Joseph Albeck sei von »generationsübergreifenden Traumaaspek- ten« (intergenerational aspects of trauma) statt von »Weitergabe« (trans- mission) zu sprechen. Entsprechend wurde die Sprachregelung der Inter- national Society of Tramatic Stress Studies in den frühen neunziger Jahren angepasst.5 Dennoch halte ich »Weitergabe« für einen nützlichen und an- gemessenen Begriff, da er verdeutlicht, dass eine Übermittlung von einer Person zur anderen stattfindet. Daher behalte ich diesen Begriff in der vorliegenden Arbeit bei. (2) Die Weitergabe wird von verschiedenen Autoren jeweils als trans-gene- rational, inter-generational, multi-generational oder cross-generational bezeichnet.6 Da jedoch die Traumabelastung ausnahmslos von einem Elternteil oder von beiden Eltern weitergegeben wird, könnte »parentale (elterliche) Weitergabe« (parental transmission) der passendste Begriff sein, da er die generationsübergreifende Übergabe speziell von Eltern zu Kindern betont. (3) Die frühere Literatur zur Weitergabe des Holocaust-Traumas hat sodann zwischen »direkter und spezifischer« Weitergabe (ein mentales Syndrom beim traumatisierten Elternteil führt direkt zum selben spezifischen Syn- 4 Natan P. F. Kellermann, Transmission of Holocaust Trauma - An Integrative View, in: Psychiatry - Interpersonal and Biological Processes 64/4 (2001), 256-267. 5 Joseph H. Albeck, Intergenerational Consequences of Trauma: Reframing Traps in Treatment Theory: A Second Generation Perspective, in: Mary Williams/John F. Sommer (Hg.), Handbook of Post-Traumatic Theory, Westport, C 1993, 106-125. 6 Irit Felsen, Transgenerational Transmission of Effects of the Holocaust: The North American Research Perspective, in: Yael Danieli, International Handbook (Anm. 2), 43-68 (Kap. 2); John Sigal/Morton Weinfeld, Trauma and Rebirth: Intergeneratio- nal Effects of the Holocaust, New York 1989; Robin G. Lowin, Cross-Generational Transmission of Pathology in Jewish Families of Holocaust Survivors, in: Disser- tation Abstracts International 44 (1983), 3533. 140 natan p. f. kellermann drom beim Kind) einerseits und andererseits »indirekter und allgemei- ner« Weitergabe (aufgrund einer Störung kann der Vater oder die Mutter seine oder ihre Rolle als Eltern nicht wahrnehmen, was beim Kind indi- rekt zu einem Mangel führt) unterschieden.7 Zudem wurde der Prozess der Weitergabe auch als »offen oder verborgen«, »offensichtlich oder stillschweigend« und »bewusst oder unbewusst« bezeichnet. (4) Um dieses Phänomen der Traumaweitergabe auf Folgenerationen von der »primären« und »direkten« Traumatisierung der ersten Generation zu unterscheiden, wurden zusätzliche Konzepte wie »sekundäre« oder »stellvertretende« (vicarious) Traumatisierung vorgeschlagen. Letztere schließt auch den Traumaeffekt auf Ehepartner und betreuende Personen mit ein. Der Begriff des vicarious trauma wird inzwischen eher dafür verwendet, die emotionalen Auswirkungen auf Bergungshelfer, Thera- peuten und andere Fachkräfte zu beschreiben, die Traumaopfern nach Katastrophen zur Seite stehen. (5) Schließlich ist die transgenerationelle Traumaweitergabe von verschie- denen anderen kollektiven Auswirkungen historischer Traumata auf bestimmte Gruppen oder auf die ganze Gesellschaft zu unterscheiden. Während solche kollektive Traumata zweifellos langfristige Auswirkun- gen auf bestimmte Gemeinschaften insgesamt wie beispielsweise die indi- anischen Ureinwohner Amerikas, die Afroamerikaner und das jüdische Volk haben, sind sie nicht als Teil des Weitergabe-prozesses von Trau- mata zu betrachten, der nur im Rahmen einer spezifischen Eltern-Kind- Konstellation und nicht im breiteren gemeinschaftlichen Kontext statt- finden kann. Die frühere Literatur zur Weitergabe des Holocaust-Traumas hat es ver- säumt, die

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